Agil ist eine Haltung und ein Werkzeug. Und ja, agil ist anstrengend.
TL;DR
Agil ist theoretisch einfach, in der Praxis aber fordernd. Lohnt sich deshalb nicht bei Standard Problemen. Ist aber in komplexen, unbekannten Entwicklungen der einzige Weg.
Wo agil draufsteht ist auch agil drin, oder?
Vor einiger Zeit stieß ich auf einen Artikel von Jason Godesky mit folgendem Bild:

Beschriftung im Original: „Ein typisches ‚Scrum‘ Team“ (Quelle: MGM, Ben Hur)
Das hat mich erstmal zum Lachen gebracht. Erinnerungen an alte Filme mit Helden – alles Männer natürlich – die große Taten vollbringen. Unter Aufbringung aller Kräfte und großer Entbehrungen. Und am Ende wird doch immer alles gut. Der Held erhält seine Belohnung. Meist eine Frau. (Aber das ist eine andere Story)
Nun, so ist es mit „agil“ doch auch, oder? Wir bemühen uns, quälen uns. Rudern. Im 2-Wochen-Takt. Und warten auf unsere Belohnung am Ende. Das Ziel. Das Ergebnis. Die Belohnung.
Nur: so ist es nicht. So ist es in der schön geplanten Fantasiewelt. In der Welt, in der ich schon genau weiß wie meine Belohnung, mein Ziel aussieht und nur noch gerade darauf zu rudern muss. Klar, da gibt es noch ein paar Hindernisse. Aber das Ziel ist klar. Das Ergebnis ist klar. Wie im schönen Wasserfall Modell

Wasserfall Modell (Quelle: Wikipedia, Maciej Jaros)
Und sind wir einmal ehrlich: der Großteil der „Probleme“, Aufgaben, Unternehmungen verhält sich auch genau so. Es ist klar was das Ziel ist, was zu tun ist und es gehört einfach nur eine Zeitlang genau so getan. Und das ist auch gut so. Wer baut schon sein Einfamilienhaus ohne ein klares Ziel? Welcher Architekten oder Bauleiter macht Sprints um dem Ergebnis „Mein Eigenheim laut Bauplan“ näher zu kommen? Ist wohl die Ausnahme.
Heute wird „agil“ oft mit einem Führungs-Werkzeug verwechselt: „setzen wir uns alle zwei Wochen zusammen und reden was wir gemacht haben und in den nächsten 2 Wochen machen werden“. Das ist grundsätzlich gut und nützlich und sinnvoll. Und sollte auch gemacht werden. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass agil verwendet wird als Ersatz für fehlende Führung in der Vergangenheit. Führung hat aber zuerst einmal nichts mit agil zu tun.
Führung braucht es auch im „klassischen“ Mindset: wo der Wunsch nach einen Plan und dessen exakter Ausführung vorherrscht. Jeder, der die Grundlagen von Controlling oder Regelungstechnik kennt, lächelt hier nur Müde: so funktioniert das nicht. Kleinste Änderungen führen zu Abweichungen. Klar, hier ist Führung oder Management gefragt. Trotzdem: dieses Mindset eines nicht: agil. Aber dazu muss man erst einmal die Ursprünge kennen.
Die Ursprünge von agil
2002 trafen sich ein paar Geeks und stellten das Agile Manifest zusammen. Das änderte scheinbar alles. Heute wird überall „agil“ gemanaged. Aber: heute fast vergessen – 2002 Sprach die Gruppe ausschließlich von Software! (Zitat: „delivery of valuable software“). Niemals war die Rede von agilem Projektmanagement. Es war viel mehr eine Rebellion gegen rigide Management und Kontroll-Praktiken, wo bestimmt wurde, wie lange etwas dauern durfte. Was bei einer damals so jungen Disziplin wie der Softwareentwicklung natürlich kaum funktioniert hat.

Die 10 Prinzipien der agilen Entwicklung (Quelle: Screenshot von https://agilemanifesto.org/principles.html)
Daraus entwickelte sich unter anderem Scrum – mit Scrum Mastern, Zertifikaten, schön geplanten Sprints, hochkomplizierten und wenig aussagekräftigen Story Points und allem was eine gewinnbringende Industrie so braucht. Was ungefähr so viel mit agiler Entwicklung zu tun hat, wie das Wasserfall Modell.
Aber was ist „agil“ eigentlich?
Meine persönliche Definition lautet folgendermaßen: agil ist eine Haltung und ein Werkzeug.
Agil als Haltung und Werkzeug
Agil hat aus meiner Sicht zwei zentrale Aspekte: agil ist eine Haltung und agil ist auch ein Werkzeug.
- Haltung. Ich bewege mich in unbekanntem Terrain. Ich habe eine Mission. Wie das Ziel der Mission erreicht wird und wie das gewünschte Missions-Ergebnis funktionieren wird, ist mir beides nicht klar. Also taste ich mich Schritt für Schritt weiter. Das ist mühsam. Das ist anstrengend. Und das ist in dieser Situation höchst effektiv und die einzige vernünftige Haltung. Ich stelle es mir vor, wie die blinde Frau alleine auf dem Weg durch die unbekannte Stadt mit dem Ziel das Hotel zu erreichen. Schritt für Schritt.
- Werkzeug. um Schritt für Schritt meinem Ziel näher zu kommen braucht es Systematik. Einen Prozess. Hier kommen jetzt Sprints, User Stories, Backlogs und was es sonst noch gibt. Alle diese Werkzeuge dienen allerdings nur einem Ziel: den agilen Prozess oder Algorithmus koordiniert durchführen zu können.
Der Agile Prozess / Algorithmus
Der agile Prozess ist im Kern einfach:
Mach dir klar wo du hin willst, lege dein Ziel fest.
Analysiere wo du dich jetzt gerade befindest, der Anfang.
Gehe einen kleinen Schritt in Richtung deines Ziels, mache.
Integriere das neue Wissen aus dem letzten Schritt, lerne.
Los von Anfang, wiederhole ab Schritt A.
So einfach ist es in Wirklichkeit. Und gleichzeitig ist es so schwierig, diese Idee, diese Haltung, dieses Werkzeug einzusetzen und zu meistern.
Warum agil so einfach und gleichzeitig so schwierig ist
Der agile Prozess ist in der Theorie klar und einfach. Aber in der Realität hat agil einige Bedingungen und Implikationen, die es in der Praxis, trotz einfachen Prinzips, doch herausfordernd machen.
Agil funktioniert nur dort, wo auch ein ganzer Schritt gemacht werden kann.
Ein Schritt umfasst alles. Ich stehe nachher wieder wie vorher, aber woanders. Das bedeutet Planung, Testcases, UI/UX Design, Programmierung, Testing, Dokumentation – alles in einem Schritt. Das bedeutet nicht: wir designen „agil“ das UI – wenn wir doch eine Software entwickeln wollen. Das ist kein ganzer Schritt. Und deshalb ist es schwierig. In 2 Wochen, in 1 Woche oder auch in 4 Wochen einen ganzen Schritt mit allen Beteiligten zu machen ist eine koordinative Höchstleistung, braucht vollen Fokus und ist wahrlich nicht leicht.
Agil macht nur Sinn in unbekannten Umgebungen – Angst.
Wo der Weg klar ist. Etabliert. Bekannt. Wo nur laut Plan performt werden muss. Da ist agil völlig Sinnbefreit. Da hilft ein Plan, eine Checkliste und jeder Beteiligte weiß was zu tun ist. Und dann kann für einen definierten Zeitraum erledigt werden. Klar braucht es Kommunikation und kleinere Korrekturen. Aber das wird als Führung bezeichnet. Und sollte immer vorhanden sein.
Nein, das eigentliche Problem ist Angst. Angst vor dem Unbekannten. Wir Menschen sind nicht gut darin zuzugeben, dass es unbekannt ist. Es macht uns Angst. Unsicher. Und nur durch das Zugeben unserer eigenen Unsicherheiten, können wir wirklich agil arbeiten. Und das benötigt Mut. Und Offenheit. Und Vertrauen.
Etwas, dass leider gar nicht so oft vorhanden ist. Und dann kommt der Wunsch nach Kontrolle: in 6 Monaten haben wir das folgende neue Produkt laut Plan. Go…. Zuzugeben, dass ich jetzt noch gar nicht weiß, was das Produkt erfolgreich machen könnte, wie es aufgebaut ist und was meine Kunden am meisten daran lieben und wie ich Kunden dafür überhaupt finde… ist in den meisten Unternehmen nicht möglich. „Nein, Chef, wir können dir nicht berechnen, wieviele Sprints wir benötigen werden bis alles funktioniert“ wäre zwar die korrekte Antwort. Lässt sich aber nur schwer verkaufen. Und auch zu recht: wer will schon Monatelang verlängern und verlängern, weil doch alles viel länger dauert. Verständlich. Deshalb braucht es Vertrauen. Und das braucht eine herausragende Kommunikation
Agil braucht viel Kommunikation. Gute Kommunikation.
Und wo viel kommuniziert werden muss, muss diese Kommunikation auch effektiv sein. Sonst wird 80% der Arbeitszeit in Meetings verbrannt. Und letztendlich doch wieder nichts erreicht. Und sind wir doch einmal ehrlich: richtig gute Kommunikation mit anderen Menschen haben wir nicht in der Schule gelernt. Und oft auch nicht später. Wer hat schon einen Kurs in Gewaltfreier Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg gemacht? Oder sich seine eigenen Werte und inneren Konflikte klar gemacht oder sich seinen eigenen kleinen und großen Dämonen der Vergangenheit gestellt. Und eingesehen, dass es viele Meinungen gibt. Und jede Meinung zählt. Dies sind alles große, persönliche Aufgaben. Und dieser Prozess, ein Prozess der Selbstentwicklung und Selbstführung, der braucht Mut. Und Ehrlichkeit. Und Offenheit. Und Verletzlichkeit. Und gerade letzteres ist nicht gerade ein häufiges Wort in Meetings. Aber es ist notwendig: um Konflikte auszutragen, empathisch andere Menschen zu verstehen und so effektiv kommunizieren zu können.
Agil braucht Disziplin.
Mal ehrlich: ich mag das Wort Disziplin auch nicht. Klar bei anderen, gerne. Aber ich selbst? Diszipliniert sein. Klingt irgendwie anstrengend. Aber wenn ich mich in unbekanntem Terrain bewegen möchte, mutig Schritte ins Unbekannte machen möchte, vertrauend auf die anderen Menschen rundherum. Dann braucht das Zuverlässigkeit. Vertrauen. Und dazu gehört die eigene Disziplin. Auch wenn das Wort vielleicht negativ behaftet ist – ich meine das durchaus positiv. Die Art von Disziplin, die Termine einhält, sich ehrlich an Abmachungen hält. Und auch die Disziplin, die mutig und verletzlich kommuniziert: ich schaffe das nicht. Es geht sich nicht aus. Und auch die Disziplin, das nicht als Makel, als schwach, als Fehler, als „untere 10%“ zu sehen. Sondern damit offen umzugehen. Auch das ist Disziplin und Selbstführung.
Noch immer „Lust“ auf agil?
Noch immer Interesse am Modewort? Wir machen jetzt agil. Wir machen jetzt agile Buchhaltung. Unsere Recherche ist jetzt agil. Unser ganzes Unternehmen ist jetzt agil. Wirklich?
Oder doch lieber ein anerkannter Prozess, klare Gewässer, klares Ziel und business as usual? Daran ist nichts falsch. So funktioniert der größte Teil unserer Welt und das ist auch gut so! Ich lasse mein Haus nicht agil bauen. Und auch mein Brot ist nicht agil gebacken. Und meine Buchhaltung ist auch nicht agil. Aber große Veränderungen, neue Entdeckungen, andere Wege – die brauchen agil. Und agil ist einfach. Und agil hat einen Preis.
Christian